Lebensgewohnheiten in den Sechzigern

Wenn ich daran zurückdenke, wie wir als Kinder gewohnt und insbesondere die kalte Jahreszeit überstanden haben, so habe ich das Gefühl, dass ich mehr als hundert Jahre alt bin. 

Die einzig wirklich warmen Räume in einem alten Bauernhaus waren die Küche und die Stube. In der Küche war üblicherweise ein großer Herd mit den Eisenringen, einem großen Backbereich und natürlich dem Grantl. Ich glaube, dass meine Kinder nicht einmal mehr wissen, was ein Grantl ist.  Das Grantl ist ein geschlossener Wasserbehälter, zumeist am linken Ende des großen Herdes. Das Grantl war immer mit Wasser gefüllt und bot den ganzen Tag über heißes Wasser. Dieses Grantlwasser hatte natürlich eine Vielfalt von Anwendungen, insbesondere als Spül und Brauchwasser.
 
Da der Herd den ganzen Tag mit Holz beheizt wurde, war es in der Küche eigentlich immer angenehm warm.  Die Zeit, in der man unter den Bänken in der Küche die Hühner hatte, war aber auch bei mir schon vorbei. 

Die Stube wurde mit dem Kachelofen beheizt und war ebenfalls ein warmer, angenehmer Ort. Hatte man wirklich stark gefroren, so war es möglich, sich oberhalb des gemauerten Ofens hin zu legen. Der Ofen war umrahmt mit einem Holzgestell und darüber war eine Bretterlage, welche diesen Liegeplatz ausmachte. 

Geschlafen haben wir als Kinder in den Schlafzimmern  gut, aber unter welchen Bedingungen, das kann sich heute wirklich kein Kind mehr vorstellen. Die Zimmer waren so kalt, dass die Fensterscheiben am Morgen Eisblumen zeigten und das Federbett war an der Oberfläche regelrecht steif gefroren. So war es gut, dass wir zu dieser Zeit noch kein eigenes Bett hatten und immer zwei Kinder in einem  schliefen. 
Natürlich gab es auch für uns Kinder am Abend eine Wärmehilfe zum Einschlafen. Dazu stellte uns die Mutter einen roten Ziegel in das Backrohr des Herdes. Nachdem dieser aufgeheizt war, wurde ein Handtuch um den Ziegelstein gewickelt und dieser am Fußende in das Bett gelegt. Das war wohl die Vorstufe zur Wärmflasche. 

Auch zu unserer Zeit gab es schon altmodische und fortschrittliche Anwesen. Auch gab es immer schon Unterschiede, was die Hygiene im Haushalt betrifft. Eine diesbezügliche Erfahrung möchte ich euch nicht vorenthalten. 

Es war Ende der Sechzigerjahre, an einem verschneiten Wintertag. Mein Vater besuchte einen alte, kranke Frau  und nahm meinen Bruder und mich mit, zu einem etwas abgelegen bäuerlichen Anwesen.  Mein Schulkollege Klaus war ein Enkelkind der dortigen Altbäuerin, wohnte aber nicht in diesem Bauernhaus.  Mein Vater, für uns Tate, besuchte die Frau, die Oma von Klaus, weil diese einen offenen Fuß hatte, der nicht mehr heilen wollte. Tate brachte ihr Dachsfett, eines der besten Heilmittel für offene, eiternde Wunden. 

Wir betraten die Küche des offensichtlich nicht all zu sauberen Bauernhauses und wurden wirklich herzlich empfangen. Liesl, die Altbäuerin sagte sofort: „Mei und die Buamin hent a mitgongin, iatz weang mir ihn gia gleich a Jause mochn. 
Zuerst bedankte sie sich noch herzlich für das Dachsfett und konnte es nicht erwarten, ihren Fuß herzuzeigen. 
Liebe  Leser, wenn ihr jetzt nicht schon gegessen habt, dann legt die Geschichte weg. Ich beschreibe euch jetzt diesen Fuß:

Dieser Fuß sah aus, wie ein zusammengedrücktes altes Handtuch, mit dem man einen rußigen Herd abgewischt hat. Die Zehen, oder besser Klauen ähnlichen Auswüchse hatten noch nie eine Nagelschere gesehen, ich war auch überzeugt davon, dass diese Füße seit 20 Jahren kein Wasser gesehen hatten. Am Rist, wenn man das überhaupt so nennen kann, war ein große klaffende Wunde, aus welcher ein Gemisch aus Eiter und Brandwasser rann, ähnlich dem Randteil von einem überreifen Graukäse. Den dazugehörigen Geruch zu beschreiben, möchte ich euch ersparen. 

Ich schwöre euch, ich hatte keinen Hunger mehr, aber aus reiner Höflichkeit würgte ich ein Butterbrot hinunter und trank dazu ein lauwarmes Gemisch, welches sie als Tee bezeichnete, das Wasser dazu hatte sie direkt aus dem Grantl entnommen. 

Als ich am nächsten Morgen den Klaus in der Schule traf, hatten wir natürlich sofort Gesprächsstoff. Dabei erzählte er mir, dass er nicht so gerne zur Nane ( Großmutter ) gehe, weil es ihn dort immer so graust. Angeblich nimmt sie das frisch gebackene Brot für den gleichen Zweck, wie wir den warmen Ziegel. 
Außerdem erzählte er mir, dass sie sich einmal in der Woche die Füße direkt im Grantl waschen würde, worauf ich kurz davor war, mich zu übergeben. 

Nachdem ich die frohe Botschaft zuhause auch meinem Taten berichtet hatte, verschwand dieser in der Speise und kam mit einer gewaltigen Fahne nach Meisterwurz zurück. 

Ich habe daraus gelernt, dass so ein Meisterwurz offenbar  nicht nur desinfiziert, sondern auch das Gemüt beruhigt.