Erinnerung an einen Krieg
„Du sollst nicht töten“ 

Leningrad, 10. Oktober 1943

Die Deutsche Wehrmacht, die gefürchtetste Armee der ganzen damaligen Welt, mit dem Ruf der härtesten und brutalsten Soldaten, hat ihre Stellungen vor Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, der heute zweitgrößten Stadt Russlands.

Wenn es nicht so traurig wäre, und man nicht wüsste, welches furchtbare und eigentlich doch so einfache System uns zu dem gemacht hatte, was wir waren, dann wäre es fast zum Lachen.

Diese so gefürchtete Armee besteht in meinem Umfeld aus mehreren Kompanien von Zillertaler Bergbauern, halbe Kinder, 18 bis 20 Jahre alt. Ich bin mit 19 Jahren einer der Ältesten. Nun liege ich hier auf russischer Erde, „in Verteidigung meines Vaterlandes“, hinter einem neuen MG 42, einer brutalen Tötungsmaschine.

Das hier, das ist nicht mein Vaterland, meine Heimat war bisher das Zillertal, unser Heimathof, die Aste, die Alm und weit weg die Ahornspitze. „Ich möchte hier, in diesem russischen Sumpfland, nicht sterben. Ich möchte nicht wie schon viele meiner Kameraden zerfetzt, blutend und schreiend auf russischer Erde krepieren. Ich habe Angst, ja, ich habe furchtbare Angst, Todesangst, das kann nur jemand verstehen, der es einmal erlebt hat. Ich überlege, einfach zurück zu gehen, dann werde ich erschossen und alles ist vorbei. Aber in meiner Heimat ?, meine Eltern ?, meine vielen Geschwister?, habt ihr schon gehört:“ der Hansl wurde wegen Feigheit vor dem Feind erschossen“. Nein, dann doch lieber „gefallen in tapferer Verteidigung des Vaterlandes“. Den ganzen Vormittag schon werden unsere Stellungen von den Russen beschossen. Ich sage absichtlich nicht Feind, weil der Feind, das sind wir. Dieses Land, dieser Boden, er gehört nicht uns, uns gehören die Zillertaler Berge, die ich wahrscheinlich nie mehr sehen werde. Verkrampft, wie die verkörperte Angst in Wehrmachtsuniform, verkralle ich mich in den Abzug des Maschinengewehrs. Im meinem Kopf höre ich immer wieder die Worte meines Ausbilders: „Wenn euch der Russe noch lebend erwischt, dann werdet ihr grausamst zu Tode gequält, kämpft bis ihr tot seid.“ Ich war bisher nicht einmal in der Lage, ein Kalb aus dem eigenen Stall zu töten, „lieber Gott, hilf mir !“

Es ist gegen 14:00 Uhr und es ist eigentlich ruhiger geworden. Plötzlich: „Uhreeeeh“, ein russischer Stoßtrupp mit ca 12 Mann stürmt meine Stellung. Zugleich werde ich mit Panzergranaten beschossen. Wie von Geisterhand geführt, schieße ich mit endlosen Salven auf die Angreifer, sie fallen um, wie die Strohhalme. Einer steht wieder auf, ich schieße nochmals, er geht zu Boden und kriecht erbärmlich schreien davon, bis er schließlich leblos liegen bleibt. Mein Gott, diese Schreie, das sind Menschen, sie schreien ganz gleich wie meine Kameraden, diese beinharten Soldaten der deutschen Wehrmacht schreien vor dem Sterben, wenn sie noch Zeit dazu haben: „Mama, Mama“. Dieser Russe, er hat wahrscheinlich auch „Mama“ geschrien. Das ist deshalb, weil wir alles noch halbe Kinder sind, wir und die anderen, jene die wirklich für ihre Heimat sterben. Weil ich vermute, dass es einem der Angreifer gelungen ist, seitlich durch zu kommen, gehe ich etwas aus der Stellung und vergesse dabei, die MP mit zu nehmen. Im gleichen Moment wird die Stellung getroffen und das MG halb verschüttet. Ich versuche noch, es mit einem Laufwechsel zu reparieren, verbrenne mir damit aber nur die ganze Hand. Ich schaue nach vorne und sehe, wie einer der durchgebrochenen Russen in einer Entfernung von 10 m auf mich zukommt. Ich weiß, dass das MG nicht mehr funktioniert, aber die anderen Waffen waren verschüttet worden. So ziele ich, in der Hoffnung, dass er die Flucht ergreift, mit dem MG direkt auf den russischen Soldaten. Ich werde dieses Gesicht nie mehr vergessen. In seiner Todesangst ist er nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Ich drücke in der letzten Verzweiflung ab, aber es macht nur „Klick“.

Der russische Soldat bringt seine MP in den Anschlag, ich weiß, dass ich jetzt sterben werde. Er zielt mir nicht ins Gesicht, er wird mir jetzt eine Salve in die Brust schießen. Es ist eine typisch russische MP mit diesen runden Trommeln. Auch er wird mein Gesicht wohl nie vergessen. Er zieht den Abzug durch, und es macht auch bei ihm nur „ Klick“. Jetzt muss ich gemäß meiner Frontausbildung das Bajonett ziehen und ihn abstechen. Das kann ich aber nicht, weil dieser Russe mir gegenüber, auch wenn er mich gerade noch töten wollte, ein Mensch ist, dem ich schon ins Gesicht gesehen hatte. Ich sehe es in seinen Augen, er hat zumindest gleich viel Angst wie ich. Ich stehe auf, laufe auf ihn zu und überlaufe ihn einfach. Er fällt und springt ab. Ich stehe auf, will mich umsehen und registriere, dass ich nun alleine, abseits der Stellung und, mit Ausnahme von zwei Handgranaten, keine Waffen mehr habe. Ich werde nun auf kurze Entfernung von einem weiteren Russen von der anderen Seite her beschossen. Plötzlich fliegt eine Handgranate direkt vor meine Füße, ich stoße sie weg und sie explodiert gleich darauf. Nun werfe ich eine meiner Granaten in die Gefahrenrichtung, der Russe vollzieht das gleiche Szenario und Granate explodiert abseits des Soldaten, ohne Wirkung. Jetzt registriere ich eine Detonation direkt auf meiner linken Seite, ich spüre einen Schlag, so, als ob mir jemand mit einer Schindel gegen den Oberarm geschlagen hätte. Ich verspüre keinen Schmerz, aber ich merke, dass etwas mit mir nicht mehr stimmt, ich werde schwindlig. Ich ziehe den Splint der letzen Handgranate, und wie in Trance halte ich sie fest, in meinem Zustand unendlich lange. Ich weiß, wenn er diese Granate wegtreten kann, bleibe ich für ewig auf russischem Boden. Ich werfe die Granate, sie explodiert, ich höre, noch bevor ich bewusstlos werde, furchtbare Schreie, der Beschuss hat aufgehört. Ich öffne noch einmal die Augen und sehe hinter dem Stacheldraht einen total abgerissenen, blutigen Arm eines Menschen, dann wird es dunkel.

Ich erwachte am späten Nachmittag dieses 10 Oktober 1943 mit teilweise von Granatensplittern zerrissenem und durchschlagenem Ober- und Unterarm. Ich stand auf und torkelte zurück zu den Stellungen. Dort half mir ein Zillertaler Kamerad zurück bis zu einem SanKW, einem Spezialfahrzeug welches mich über das russische Sumpfland in ein Feldlazarett, hinter die Front von Leningrad brachte. Ich war froh, überlebt zu haben und ich wusste nun, dass ich mit dieser schweren Verwundung, wenigstens für eine kurze Zeit, die Fahrkarte nach Hause hatte. Ich wusste an diesem Tag noch nicht, dass ich zwar überlebt hatte, aber ein Teil meiner Seele bei den Toten von Leningrad zurückgeblieben war, versiegelt mit meinem und dem Blut jener tapferen Soldaten, die dort wirklich ihre Heimat verteidigt haben und, die ich, ich möchte es gar nicht aussprechen, getötet habe. Ich wusste an diesem Tag auch nicht, wie oft und wie viele Jahrzehnte lang, ich den abgerissenen, blutigen Arm dieses russischen Soldaten noch sehen werde, und wie oft mich die in Russland zurückgebliebene Seele ruft, und mir die Schreie von Leningrad in die Gegenwart sendet.

„Ich habe getötet.“

J.B

Gewidmet all meinen Nachkommen, damit sie ein anständiges Leben führen. Sie sollen wissen, dass ich einen hohen Preis dafür bezahlt habe, auch wenn ich wenig darüber gesprochen habe.

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